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Archiv für den Monat Mai 2011

Orgasmus mit offenen Augen

Autor: Caroline
22. Mai 2011

Sex? Fortpflanzungsmittel, Sehnsucht nach Bestätigung, Machtbestätigung?
VIPs, deren Namen untrennbar mit ihren SexAffären verbunden sind: Strauss-Kahn, Kachelmann, Clinton, Berlusconi, Tiger Woods?
Sexualtherapeut David Schnarch aus Colorado sieht Sexualität als Chance.
Er sagt, sie seien „Momente der besonderen Innigkeit mit dem Partner zu erleben.“ Und er nennt sie „sensomotorische Augenblicke der Begegnung“ in seinem neuen Buch „Intimität und Verlangen“.

Nicht nur Glücksgefühle in der Sexualität seien die Vorteile von innigem Sex mit dem Partner oder der Partnerin, sondern: „Herz und Geist werden ruhig, die Beziehung wird stabilisiert und das lebenslange Verlangen nach dem geliebten Partner gebahnt.“
Glückseligkeit mit einem und demselben Menschen auf Dauer? Schnarchs Theorien werden durchaus auch bei anderen Neurologen anerkannt.

Der Schlüssel zu den oben genannten, positiven Effekten ist die Neuroplastizität. Unser Gehirn ist ein großartiges Verbindungsorgan. In seinem Innern werden unablässig verbundene Zellen gemeinsam aktiv, Synapsenverknüpfungen werden verstärkt und neuronale Netzwerke geknüpft. Dabei lernen wir und das Gehirn wird permanent umstrukturiert.
Beispiele dafür sind sehr schön geschildert in dem Film. What the Bleep do we know?“
In den Bereichen des Hirns, die wir häufiger aktivieren, findet mehr „synaptisches Lernen“ statt als in den Bereichen, die wir brachliegen lassen.

Lernen bringen wir meist nur mit intellektuellen Aufgaben in Verbindung. Dass dies auch mit emotionalen und spirituellen Verbindungen funktioniert, beschreibt der US-Psychologe Louis Cozolino: „Auch wenn wir großen Wert auf die Idee der Individualität legen, so leben wir doch mit dem Paradox, dass wir ständig gegenseitig unsere inneren biologischen Zustände beeinflussen.“

Emotionale Erfahrungen wirken sich erwiesenermaßen auf die Hirnstruktur aus.

Schnarch betont, dass dies natürlich nur positiv funktioniert, wenn sich die beiden Sexualpartner während des Liebesaktes anschauen und Kontakt mit dem Wesen des anderen aufnehmen.
„Orgasmen bei geöffneten Augen gleichen Mr. Spocks ‚vulkanischer Gedankenverschmelzung‘ in ,StarTrek‘: eine sehr tief reichende Form des Sicheinlassens auf den Partner und der emotionalen Transparenz“, erklärt Schnarch in der WELT.

Schnarch glaubt, seine Thesen träfen nicht auf all jene Paare zu, wo jeder beim Sex nur bei sich ist und hoffe, dass vor allem die eigene Lust gestillt werde.
„Sexualität soll ein gemeinsamer Akt sein, und ist nicht einfach nur Selbstbefriedigung mit dem Körper des anderen“, sagt auch der Münchner Hirnforscher Ernst Pöppel. Nach seiner Vorstellung sollte in einer gemeinsamen Sexualität das sogenannte Dreisekundenfenster eingezogen werden.

„Drei Sekunden bilden die gemeinsame Bühne der Gegenwart“, sagt Pöppel in der WELT. Alles Zwischenmenschliche laufe in diesem Rhythmus, das Handgeben, der Augenschlag oder das Vorausdenken bei Bewegungen dauere etwa drei Sekunden. Danach findet eine Art kurze Aufmerksamkeitszäsur statt. Diese besteht etwa in einer Pause beim Sprechen. Und dabei werden, das ist das Besondere, die jeweiligen Gehirnströme synchronisiert. (WELT)

Magnetenzephalografie-Aufnahmen zeigten: Das Gehirn ist alle drei Sekunden in hohem Maß bereit, etwas Neues aufzunehmen. „Zwei Menschen, die miteinander reden, etwas Gemeinsames tun, erleben den Beginn und das Ende dieses Dreisekundenfensters zur gleichen Zeit“, so Pöppel.

Wenn die Bewegungen und Empfindungen beim Akt also aufeinander abgestimmt werden, erlebten zwei Menschen wahrscheinlich gleichzeitig die Momente der stärksten Lust.

Tipps: Fokussieren Sie etwa drei Sekunden lang soviel wie möglich von ihrem Partner!
Darüber erreichen Sie, dass es beim Sex zu tiefen Augenblicken der Begegnung kommt, die neuronalen Verbindungen im Gehirn werden beeinflusst.“

„Wenn Sie Blickkontakt zu einem Gesicht herstellen, das Sie als attraktiv empfinden, werden in Ihrem ventralen Corpus striatum (Streifenhügel) Dopamin erzeugende Neuronen aktiviert. Durch Blickkontakt wird also die Dopaminproduktion verstärkt. Bei Unterbrechung des Blickkontakts sinkt die Dopaminproduktion wieder.“

Das heißt: Sex mit geöffneten Augen bezieht das zentrale Belohnungssystem des Gehirns ein. Und als ob dies nicht schon der Vorteile genug wären, hat es auch noch weitreichende Auswirkungen in die Zukunft. Wenn zwei Menschen ähnliche Zustände erleben, die ihnen gut tun und die sie immer wieder gemeinsam praktizieren, dann passen sich ihre Hirnstrukturen aneinander an. Diese besonderen Zustände des Dopamins, des Glücks und der Ruhe werden immer mit dem anderen Menschen in Verbindung gebracht. Das schafft eine langfristige Verbindung miteinander.